Viele Pädagogen haben etwas mit Messies oder Pfandflaschensammlern gemeinsam: den prüfenden Blick auf Müll, der irgendwo herumliegt oder im Haushalt entsteht. Oft kombiniert sich dieser Blick mit dem Gedanken: Davon kann man doch bestimmt noch was gebrauchen…

Demzufolge enthält manches Kindergartenatelier und mancher Kunstraum in der Schule ein großes Lager an Dingen, die ihren Gebrauchszweck schon erfüllt haben: Sammelkörbe für Korken, CDs, Joghurtbecher… Und doch fehlt, wenn man ein konkretes Projekt verfolgt, meist genau das entscheidende Material: Woher kriege ich auf die Schnelle 20 zwei Meter lange Garnspulen? Bei uns garantiert, könnten die Leute von „Kunst-Stoffe“ in Berlin-Pankow sagen...

 

Die Struktur des Garagenhofes in Berlin-Pankow erinnert tatsächlich an ein gut geordnetes Materialregal. Allerdings steht hier anstelle der übliche Körbchen je eine Garage für eine Materialart zur Verfügung: 10 Quadratmeter Pappröhren, 10 Quadratmeter Plexiglas, 10 Quadratmeter Holz, 10 Quadratmeter Schaumstoffe und vieles mehr. Zehn haupt- und nebenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für das Projekt vor Ort oder unterwegs, um neue alte Materialien zu beschaffen.

Was sind es für Besucher, die an den beiden Öffnungstagen zu „Kunst-Stoffe“ kommen? Künstler sind dabei, die für ihre großformatigen Installationen preiswerte Baumaterialien suchen, die örtlichen Kindermuseen, Theatergruppen und natürlich Lehrer oder Erzieherinnen mit und ohne Kindergruppen. Kreative aller Art eben.

Z1 Die Idee und die Ziele

Wie kommt man dazu, in Eigenregie einen Recycling-Hof für Künstler, Bastler und Pädagogen zu eröffnen? Die Idee brachten die Initiatorinnen aus den USA mit, einem Land, in dem die Wegwerf-Kultur vielerorts eine Recycling-Kultur inspirierte. „Re-Use-Center“ nennt man solche Gebrauchtmateriallager, und in dem bekanntesten Projekt dieser Art, dem New Yorker „Material for the Arts“, kann man seit 25 Jahren durch die Lager schlendern, inzwischen große Einkaufswagen vor sich her schiebend, um sich die besten Stücke zu sichern.

Die Recycling-Idee ist nicht nur praktischer Zweck für Besucher mit Materialbedarf, sondern auch mit einer gesellschaftlichen Zielsetzung verbunden: „Kunst-Stoffe“ will wie das amerikanische Vorbild den unbedachten Umgang mit wertvollen Materialien, unsere Wegwerfkultur also, in Frage stellen und dies vor allem Kindern und Jugendlichen vermitteln. Regelmäßig führt „Kunst-Stoffe“ Workshops für Pädagogen, Kindergarten- und Schülergruppen im Aktionsraum oder in den gut ausgestatteten Werkstätten für Holz-, Metall- und Textilbearbeitung auf dem eigenen Gelände durch. Dabei entstehen mit Fingerfertigkeit und Fantasie aus den wohlgeordnet angebotenen Altmaterialien skurrile Objekte mit und ohne Gebrauchszweck: Möbel aus Fahrradteilen, Geldbörsen aus Tetra-Paks oder eigenwillige Installationen im „Trash-Art-Museum“, die zeigen, wie vielfältig man das Material verwenden kann. Und in den Köpfen der Besucher, so hoffen die Akteure von „Trash-Art“, entsteht auch etwas: eine andere Antwort auf die Frage, ob es wirklich akzeptabel sei, mit hohem Energie- und Wasserverbrauch immer wieder neue Dinge herzustellen, statt das einmal Geschaffene zu verwerten, so lange es da ist.

Z1 Die Wege des Materials

Wie kommt das Material zu „Kunst-Stoffe“?

„Wir haben allmählich ein Netz aus regionalen Kooperationspartnern aufgebaut, die uns gern Reststoffe überlassen. Dazu mussten wir geeignete Firmen suchen, von denen wir uns gutes Material erhoffen, Ansprechpartner finden, Interesse bekunden, nachfragen, wann der Reste-Container besonders voll ist, das Material regelmäßig abholen und den Kontakt halten…“

Auch Privatpersonen nutzen das „Re-Use-Center“ gern, aber in solchen Fällen ist oft Vorsicht geboten: „Schließlich sind wir keine Sammelstelle für Hausmüll, und ausreichende Mengen an Haushaltsverpackungen bekommen wir locker zusammen, wenn wir selbst ab und zu sammeln.“ Dennoch stammen in der Garage viele Gegenstände mit der Aufschrift „Artefakte“ von Privatpersonen: seltsame Kleinmöbel, Trash aller Art, alte Bilder und Sammelstücke aus Bastelkellern vergangener Zeiten.

Kann man solche verwendbaren Materialien nicht auch auf Recyclinghöfen finden? Leider stellen sich die Mitarbeiter der Höfe nach Aussage der Initiatoren von „Kunst-Stoffe“ quer, wohl auch aufgrund der Rechtslage. Von einer allgemein getragenen Kultur des Verwertens ist unsere Gesellschaft noch weit entfernt. „Theoretisch ist es ja nicht einmal erlaubt, auf der Straße herumliegende Sachen mitzunehmen. Die gehören entweder dem Absteller oder, beim Einwurf in die Tonne, der Stadtreinigung. Wir haben beantragt, eine ‚Licence to collect‘ von der Stadtreinigung zu bekommen, aber die wussten damit nicht umzugehen…“, erzählt ein Mitarbeiter von „Kunst-Stoffe“.

Gefragt, ob es sich wirtschaftlich lohne, eine solche Anlaufstelle für wiederverwertbare Materialien zu eröffnen, sagen die Initiatoren: „Immerhin werden die Materialien zu einem fairen und für die Besucher bezahlbaren Spendenpreis abgegeben, der bei weitem nicht kostendeckend ist. Deshalb werden die Stellen der Mitarbeiter inzwischen teilweise über Maßnahmen des Jobcenters und Förderprogramme finanziert, und die großzügige Anlage – ein ehemaliges Gelände der Volkspolizei – ist eine klassische Zwischennutzung.“

Nachteil des eher symbolischen Mietpreises für das Gelände: Wird es an einen Investor verkauft, müssen sich die Leute von „Kunst-Stoffe“ neue Räume suchen. „Wir haben da schon Erfahrung“, sagen sie, „aber es wäre wegen der allmählich gewachsenen regionalen Kooperationen mit Firmen, Schulen und sozialen Einrichtungen sehr schade.“

Z1 Nachahmer gesucht

Als „ein Projekt, das gern nachgeahmt werden möchte“ beschreiben die Initiatoren ihre Idee. Was braucht man, wenn man in der Kommune ein „Re-Use-Center“ – im großen oder kleinen Stil – eröffnen will?

Erstens natürlich Platz zum Lagern und zweitens das Wissen, bei welchen Firmen lohnender Produktionsabfall anfällt. Gute Quellen sind Theaterwerkstätten, Acrylglas verarbeitende Betriebe, Stoff-Produzenten oder -Verarbeiter, Fliesenhändler, Schaumstoff-Verarbeiter und Fahrradhändler.

Was braucht man noch? Mitarbeiter, die eingehende Materialien ordnen, Dinge abholen, Abgabe oder Verkauf organisieren, Werbung machen und Workshops anbieten können.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, mit der Kultur der Wiederverwertung zu beginnen. Mein Tipp: Wie wäre es, sich mit anderen Schulen und Kindergärten im Stadtteil oder der Region zusammenzutun, das Jobcenter zu kontaktieren und mit einem überschaubaren Projekt zu beginnen?

Michael Fink

Z1 Netz-Tipps

www.kunst-stoffe-berlin.de

www.mfta.org: die Website von „Material for the Arts“

http://zerosei.comune.re.it/inter/remida.htm: die Website der „Remida“, das kreative Recycling-Center in Reggio, Italien

http://www.remida.de: die Webesite von Remida e.V., das reggio-inspirierte „Re-Use-Center“ in Hamburg

Z1 Buchtipp

Michael Fink

Wie funktioniert denn das? Mit Kindern fragen, forschen, konstruieren

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2009

127 S., 14.90 Euro

ISBN: 978-3-451-30333-3

Mit einfachen Materialien kreativ werden: Kennen Sie „Der Lauf der Dinge“ von Fischli und Weiss? Falls ja, können Sie ermessen, welche Experimentierfreude und Forschungslust in diesem Buch angesprochen werden. Mit Recyclingmaterial wie Pappröhren, Klebband, Kabelbinder, Nägeln und Leim erforschen Sie und die Kinder Themen wie: Schwerkraft, Statik und Stabilität, Schatten und Farbenzauber, Maschinen, den eigenen Körper und seine Funktionen. Der Autor versteht es, den Dingen mit einfachen Mitteln auf den Grund zu gehen und komplizierte Vorgänge sichtbar zu machen. Er zeigt, wie man stabile Papierbrücken baut, lässt Elektrizität erfahren, schlachtet Computer aus und erklärt, wofür man einen Ventilator sonst noch benutzen kann. Er baut ein Skelett, einen Blutkreislauf und die Funktion der Lungen. Alles mit einfachsten Mitteln, alles machbar, sehr lustvoll und spannend präsentiert, mit Fotos, die wie Flashlights Einblick geben, der neugierig macht.

In kleinen Einschüben, die farblich unterlegt sind, erklärt der Autor seine Zielsetzungen und fasst das Wichtigste zusammen. In einem Anhang werden die benötigten Materialien und Werkzeuge vorgestellt, inklusive Tipps bei schwierigeren Anwendungen, so dass auch eher Ungeschickte mithelfen können.

Die breit gefächerten Themen machen das Buch sehr vielseitig an- und verwendbar. Wer Lust hat, sich auf etwas Neues einzulassen, wird hervorragend bedient.

Monika Hedinger, Basler Schulblatt