Nachgefragt bei... Judith Jacob, die bei Kunst-Stoffe ausrangierte Materialien an Kunstschaffende weitergibt.

www.kunst-stoffe-berlin.de


C.F.: Frau Jacob, was macht Kunst-Stoffe?

J.J.: Wir sind ein Verein, der Rest-, Abfall- und Ausschuss-Produkte annimmt und zur nicht kommerziellen Nutzung als Materialien für Kultur weitergibt. Wir nehmen gebrauchte Stoffe aller Art an und verkaufen sie gegen geringes Entgelt weiter. Außerdem bieten wir Workshops für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an und bauen und verleihen Lastenfahrräder in unseren Werkstätten.

C.F.: Welche Materialien nehmen Sie an?

J.J.: Es ist fast einfacher zu sagen, was wir nicht nehmen: Wir akzeptieren keine belasteten Materialien und keine kompletten Produkte, also keinen Stuhl, aber Stuhlbeine. Ansonsten reicht unser Angebot von Kronkorken über Pappen, Stoffe, Holz und Dekorationsmaterial bis zu Metall.

C.F.: Wer beliefert Sie?

J.J.: Es kommen Unternehmen aller Art und Privatleute. Museen beliefern uns mit Materialien.

C.F.: Müssen die Lieferer etwas zahlen?

J.J.: Nein, die Abgabe ist kostenlos. In der Regel sparen die Betriebe sich so Entsorgungskosten.

C.F.: Wovon hätten Sie gerne mehr?

J.J.: Wir haben viel Nachfrage nach großen Fahnenstoffen beziehungsweise dunklen Stoffen für Bühnenbilder. Farbige Glasscheiben und bunte Fliesen sind auch selten. Wir können industrielle Fehlchargen meistens gut gebrauchen, das gilt z.B. für Fehldrucke.

C.F.: Wer deckt sich bei Ihnen ein?

J.J.: Künstler aus ganz Berlin. Sie lassen sich auch von dem inspirieren, was sie bei uns finden. Dann beziehen Designer, Festivalbauer und Kultureinrichtungen Material, oder Privatpersonen kaufen eine einzelne Fliese. Wenn Künstler aus unserem "Artist-in-Residence"-Programm auf dem Gelände sind, arbeiten sie auch mit unseren Materialien.

C.F.: Sind im Moment Künstler da?

J.J.: Wir müssen unserer Standort in Pankow verlassen und haben auf dem Grundstück schon Raum abgegeben. Da uns Platz fehlt, konnten wir 2011 keine Künstler im Rahmen des Programms einladen. Andere Künstler sind ausgezogen oder tun das gerade, weil Ihnen die Standortsicherheit fehlt.

C.F.: Wann müssen Sie umziehen?

J.J.: Das steht noch nicht fest. Momentan haben wir einen neuen Zwischennutzungsvertrag, der vorerst auf Ende Mai terminiert ist. Wir hoffen, dass der Vertrag noch bis Herbst oder sogar Ende 2011 verlängert wird.

C.F.: Wo würden Sie gerne hin?

J.J.: Der Bezirk ist egal, Hauptsache, wir liegen in relativ zentraler Lage und haben eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, damit uns Gruppen und unsere Nutzer weiterhin leicht besuchen können. Wir brauchen eine Fläche von mindestens 400 Quadratmetern. Uns wäre auch wichtig, dass wir nicht wieder einen Zwischennutzungsvertrag bekommen wie hier in Pankow. Wir können uns vorstellen, mit einer Einrichtung zusammenzuziehen, um ein Zentrum für nachhaltige Entwicklung aufzubauen.

C.F.: Wie sieht die Vision von Kunst-Stoffe aus?

J.J.: Es wäre schön, wenn es einmal eine Einrichtung wie Kunst-Stoffe in jedem Bezirk gäbe.

C.F.: Machen Sie da nicht den Baumärkten Konkurrenz?

J.J.: Das glaube ich nicht. Wir haben ja nicht so eine große Auswahl wie diese Geschäfte. Eher stelle ich mir eine Kooperation mit Baumärkten vor, die uns beispielsweise überschüssige Ware abgeben könnten.


Interview: Constance Frey, Berlin Maximal - Das Wirtschaftsmagazin für den Mittelstand der Region Berlin (des "Der Tagesspiegel"), No. 06/2011, Nr. 48/Juni, S. 56